Heimweh.

 🕒  Lesezeit: ca. 6 Minuten

Manchmal überkommt es mich ganz plötzlich.

Nicht beim Durchscrollen alter Fotos. Nicht bei besonders dramatischer Musik. Nicht nachts um halb zwölf, wenn das Gehirn aus unerfindlichen Gründen beschließt, jetzt bitte noch einmal alle Lebensentscheidungen seit 2007 durchzugehen.

Sondern mitten im Alltag.

Bei einem Geruch. Bei einem Lied. Bei einem bestimmten Licht am Nachmittag. Bei einem Geräusch, das irgendwo in meinem Kopf eine Tür öffnet, von der ich gar nicht wusste, dass sie noch da ist.

Und dann ist es da.

Heimweh.

Nur nicht nach einem anderen Ort.

Sondern nach einer anderen Zeit.

Nach Sommerferien, die sich endlos angefühlt haben. Nach Nachmittagen, die nicht effizient genutzt werden mussten. Nach Gesprächen, bei denen niemand nebenbei auf sein Handy geschaut hat. Nach Menschen, die es so nicht mehr gibt. Nach Versionen von mir, die ich längst nicht mehr bin.

Und das Komische ist: Ich weiß genau, dass diese Zeit nicht so perfekt war, wie sie sich in meiner Erinnerung anfühlt.

Aber sie hat trotzdem eine Anziehung auf mich, gegen die ich manchmal einfach nicht ankomme.

Weichgezeichnet.

Ich glaube, Erinnerung ist keine neutrale Archivarin.

Sie ist eher wie jemand, der alte Fotos sortiert. Die schlechten werden aussortiert, bei den schönen wird ein bisschen am Licht gedreht und dann sagt sie: „Guck mal. War doch eigentlich ganz wunderbar.“

Und oft war es das ja auch.

Aber eben nicht nur.

Die Vergangenheit, nach der ich manchmal Heimweh habe, bestand nicht nur aus goldenen Nachmittagen, Freiheit und unbeschwertem Irgendwas. Sie bestand auch aus Unsicherheit, Langeweile, Streit, Warten, Sehnsucht, Überforderung und Dingen, die ich damals ganz sicher nicht besonders romantisch fand.

Nur haben viele dieser Dinge in der Rückschau ihre scharfen Kanten verloren.

Was bleibt, ist oft das Gefühl.

Nicht der ganze Tag, sondern der eine Moment darin. Nicht das komplette Jahr, sondern der Geruch von Sonnencreme auf warmer Haut. Nicht die ganze Lebensphase, sondern das Geräusch von Fahrrädern auf Schotter, das Licht in einer alten Küche, der erste Song auf einer CD, das Gefühl, irgendwo dazuzugehören.

Vielleicht ist Nostalgie genau das: kein Wunsch zurück in die ganze Vergangenheit, sondern zu einem Gefühl, das dort irgendwo liegen geblieben ist.

Nostalgie ist nicht das Problem

Ich glaube nicht, dass es falsch ist, sehnsüchtig zurückzublicken.

Im Gegenteil.

Manchmal brauche ich diesen Blick zurück. Nicht, weil früher alles besser war, sondern weil ich mich dort an etwas erinnere, das im Alltag leicht verloren geht. An Leichtigkeit. An Langsamkeit. An dieses Gefühl, dass ein Nachmittag nicht erst dann etwas wert ist, wenn am Ende etwas Produktives dabei herauskommt.

Nostalgie kann trösten.

Sie kann verbinden.

Sie kann mir zeigen, was mir wichtig war, bevor ich angefangen habe, alles in Aufgaben, Termine und Zuständigkeiten zu zerlegen.

Sie erinnert mich daran, dass ich nicht nur aus dem bestehe, was gerade erledigt werden muss. Dass in mir auch noch die Person wohnt, die stundenlang Musik hören konnte, ohne dabei irgendwas wegzuräumen. Die sich auf Kleinigkeiten gefreut hat. Die Tage nicht immer nach Nutzen bewertet hat.

Das ist schön.

Und wichtig.

Aber eben auch ein bisschen gefährlich.

Denn Nostalgie ist wunderbar, solange sie mich erinnert.

Schwierig wird es, wenn sie anfängt, mich festzuhalten.

Wenn ich zu lange zurückschaue, sehe ich das Jetzt nicht mehr

Es gibt diesen Punkt, an dem Erinnern nicht mehr weich ist, sondern schwer wird.

Dann denke ich nicht mehr: „Wie schön, dass es das gab.“

Sondern: „Warum ist es nicht mehr so?“

Und plötzlich wird die Vergangenheit nicht mehr zu einem Ort, an dem ich kurz auftanken kann, sondern zu einem Maßstab, an dem die Gegenwart ständig scheitert.

Dann ist heute zu laut. Zu voll. Zu kompliziert. Zu erwachsen. Zu wenig magisch.

Dann fühlt sich alles, was gerade ist, irgendwie kleiner an als das, was einmal war.

Dabei ist das wahrscheinlich unfair.

Nicht nur gegenüber der Gegenwart.

Sondern auch gegenüber mir.

Denn während ich innerlich alten Zeiten hinterherlaufe, sitze ich mitten in einer Zeit, die irgendwann selbst Vergangenheit sein wird.

Und vielleicht werde ich eines Tages genau auf diese Phase zurückblicken und denken: Weißt du noch?

Weißt du noch, wie du morgens ins Atelier gefahren bist? Wie alles irgendwie im Aufbau war? Wie du müde warst und voller Ideen zugleich? Wie du dachtest, du müsstest noch viel weiter sein, obwohl du längst mittendrin warst?

Weißt du noch, wie klein deine Tochter noch war? Wie sie Dinge gesagt hat, die du dir eigentlich aufschreiben wolltest, aber natürlich nicht immer aufgeschrieben hast? Wie der Alltag manchmal chaotisch war und trotzdem voller Szenen, die später einmal fehlen werden?

Vielleicht sitze ich gerade mitten in einer Erinnerung, nach der ich irgendwann Heimweh haben werde.

Und ich merke es nur nicht, weil sie noch nicht weichgezeichnet ist.

Vielleicht muss ich nicht zurück. Vielleicht muss ich genauer hinsehen.

Ich will mir die Vergangenheit nicht verbieten.

Ich will nicht so tun, als wäre Sehnsucht nach früher kindisch, unnötig oder ein Zeichen dafür, dass ich im Heute versage.

Manchmal vermisse ich eben Dinge.

Menschen. Zeiten. Gefühle. Möglichkeiten. Versionen von mir.

Das darf sein.

Aber vielleicht kann ich lernen, die Vergangenheit nicht als Konkurrenz zur Gegenwart zu behandeln.

Vielleicht kann ich sie besuchen, ohne dort einzuziehen.

Vielleicht kann ich mich erinnern, ohne das Jetzt abzuwerten.

Denn die Wahrheit ist: Auch diese Zeit hier ist nicht perfekt. Sie ist anstrengend, unordentlich, unfertig und oft deutlich weniger poetisch, als sie später vermutlich aussehen wird.

Und vielleicht ist genau das die eigentliche Einladung: nicht darauf zu warten, dass eine Zeit erst vorbei sein muss, bevor ich sie schön finden darf.

Vielleicht darf ich mitten im Chaos schon merken: Das hier ist auch Leben.

Nicht die nostalgisch verklärte Rückblende davon.

Sondern die Originalfassung.

Mit verwackelter Kamera, Krümeln auf dem Boden, offenen Tabs im Kopf und einem viel zu vollen Kalender.

Aber eben auch mit Licht auf dem Tisch. Mit kleinen Sätzen, die bleiben. Mit Momenten, die sich erst später als wertvoll zu erkennen geben.

Ich habe manchmal Heimweh nach einer anderen Zeit.

Aber vielleicht muss mich dieses Heimweh nicht zurückziehen. Vielleicht kann es mich daran erinnern, jetzt genauer hinzusehen.

Bevor aus heute irgendwann früher wird.

💬 Und du?

Kennst du dieses Heimweh nach einer Zeit, die sich in der Erinnerung wärmer anfühlt, als sie wahrscheinlich wirklich war? Vielleicht lohnt es sich, heute einmal kurz stehenzubleiben und zu fragen: Was von jetzt werde ich irgendwann vermissen?

Zurück
Zurück

Verluste

Weiter
Weiter

Kollateralschaden